Articles for category: Regionen

Für eine evidenzbasierte, rationale Kriminalpolitik

Die aktuelle gesellschaftliche Debatte über Taten wie die Tötung zweier Menschen und Verletzung zweier weiterer Menschen in Aschaffenburg ist verständlicherweise emotional aufgeladen. Jedes Mitgefühl für die Opfer und ihre Angehörigen ist nachvollziehbar und wird von uns geteilt. Als Strafrechtswissenschaftler:innen sehen wir uns verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass die Debatte aber darüber hinaus von populistischen Instrumentalisierungen und verzerrten medialen Darstellungen geprägt ist. Statt evidenzbasierter Erkenntnisse dominieren derzeit emotionale Reaktionen und politische Reflexe. Ein sachlicher, wissenschaftlich fundierter Umgang mit Kriminalität ist jedoch essenziell, um wirksame, nachhaltige und verfassungskonforme Lösungen zu entwickeln.

Four Reasons Why Illiberal Politics Appropriated the Memory of the 1956 Hungarian Revolution

In this contribution, I am analysing the reasons for the appropriation of the 1956 Hungarian revolution. I argue that these reasons are four-fold: First, the memory of 1956 has been divided from the start. Second, half of the population, namely women, were excluded from this memory. Third, the revolution was a bottom-up event. Fourth, the transition after 1990 was built on the concept of authenticity and truth made the narrative vulnerable to illiberal appropriation.

Betreutes Regieren

Auf einem viertätigen Symposium "Demokratie in Zeiten der Krise" diskutierten in Elmau der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Stephan Harbarth und Bundeskanzleramtsminister Wolfgang Schmidt unter anderem über den Umgang der Politik mit verfassungsrechtlicher Ungewissheit und Schmidts Vorschlag, das Bundesverfassungsgericht wieder als Gutachter in diffizilen Verfassungsfragen einzusetzen. Eine auf den ersten Blick sympathisch klingende Idee, die gleichwohl mit Vorsicht zu genießen ist, drohen doch Politisierung und falsch verstandene Gewaltenverschränkung.

Aus dem Abseits in die Mitte der Demokratie

Nun ist es passiert. Initiiert von Friedrich Merz – dem Kanzlerkandidaten der Union – verabschiedet der Deutsche Bundestag am 29. Januar 2025 Anträge zur Migrationspolitik mit den Stimmen der CDU/CSU, der FDP und der AfD. Zwar scheitert am 31. Januar der Versuch knapp, das sogenannte Zustrombegrenzungsgesetz zu beschließen, aber diese Sitzungswoche bleibt eine Zäsur in der deutschen Politik. Aus politikwissenschaftlicher Sicht ist klar, dass solche Prozesse radikal rechte Parteien wie die AfD stärken.

The Authoritarian Market Playbook

For more than a decade, lawyers and political scientists have extensively studied the “authoritarian playbook” – the instruments, methods and processes used by autocrats such as Hungary’s Viktor Orbán to capture established democracies. However, so far, the impact of autocratic economic governance on the rule of law has been surprisingly underexplored in the legal field. The respective electoral wins of Donald Trump in 2016 and 2024 illustrate that economic policies are often at the heart of authoritarian actors’ electoral success and ideological goals. Even more so, this is certainly true for Hungary, as Orbán’s political regime is deeply rooted in crony state capitalism and institutionalized corruption.

Carte Blanche for Judicial Appointments?

In the recent Valančius judgment, the Grand Chamber of the Court of Justice of the European Union (Court of Justice or ECJ), ruled on Union law requirements for the judicial appointment procedure to the EU General Court. Having previously clarified the Union law requirements for the selection procedures of national judges, the Valančius case at first sight confirms the applicability of these requirements to the selection procedure of EU General Court judges. However, a closer look reveals that the judgment risks effectively giving carte blanche for Member States to design the national stage of the appointment procedure regarding EU General Court judges.

Jenseits geltenden Rechts

Der Deutsche Bundestag hat gestern die von der CDU/CSU-Fraktion vorgelegten „Fünf Punkte für sichere Grenzen und das Ende der illegalen Migration“ verabschiedet. Für besonders viel Aufsehen sorgte dabei, dass damit erstmals in der Geschichte des Deutschen Bundestags ein Antrag mit den Stimmen einer autoritär-populistischen Partei zustande gekommen ist. Noch nicht genug Aufmerksamkeit erhält dagegen die rechtliche Dimension des Antrags. Der Antrag wirft nicht nur grundlegende Fragen etwa in Bezug auf die dauerhafte Inhaftnahme ausreisepflichtiger Personen auf, sondern erhebt sich in Teilen offen über geltendes Recht.

Prekäre Identitäten

Bis heute fehlen in Österreich gesetzliche Regelungen für die Änderung des Geschlechtseintrags von Trans* und Inter* Personen. Der Verfassungsgerichtshof und der Verwaltungsgerichtshof vertraten dabei seit den 1990er Jahren eine progressive Linie: Nun scheint der VwGH seine fortschrittliche Haltung aufzugeben: Das Geschlecht einer Person sei zwingend einzutragen, grundsätzlich komme es dabei auf das biologische Geschlecht an. Grund genug, sich zu fragen, ob die Rechte von Trans*, Inter* und nicht-binären Personen in Österreich in Gefahr sind.

Feeble Recognition of a Systematic Pushback Practice

In A.R.E. v. Greece and G.R.J. v. Greece, jointly published at the beginning of 2025, the European Court of Human Rights (ECtHR) finally acknowledged Greece’s long-standing systematic practice of violently pushing people back at its land and sea borders. While this is already remarkable, both rulings stand out for the Court’s thorough evidentiary analysis and new standards for proving pushbacks. However, the ECtHR failed to fully incorporate the context of a systematic practice, instead maintaining a high threshold for evidencing individual instances of pushbacks.

Diskriminierende Einstellung(sbedingungen)en

Das Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg hat jüngst entschieden, dass eine Neutralitätsklausel im Arbeitsvertrag eine kopftuchtragende Muslimin diskriminiere, und dieser eine Entschädigung zugesprochen. Das Besondere an dem Fall: Das Gericht stellte eine Diskriminierung durch eine vertragliche Neutralitätsklausel fest, obwohl die Bewerberin die Stelle freiwillig nicht angetreten hatte. Das Urteil stärkt die Religionsfreiheit im AGG und zeigt, dass die EuGH-Entscheidungen zu betrieblichen Kopftuchverboten nuancierte Anwendung im jeweiligen mitgliedstaatlichen Kontext finden.