Zerfällt der nächste EU-Staat (und wäre das so schlimm)?

6. Mai 2011

Zerfällt der nächste EU-Staat (und wäre das so schlimm)?

Gestern war nicht nur das Referendum über die britische Wahlrechtsreform, sondern auch Parlamentswahlen in Schottland – und die Scottish National Party hat dort jetzt eine absolute Mehrheit. Ihr Chef Alex Salmond, seines knubbeligen Äußeren wegen im Lande liebevoll „Shrek“ genannt, hat dies zum Anlass genommen, eine Ankündigung von größter Tragweite zu machen:

In this term of the parliament, we will bring forward a referendum and trust the people on Scotland’s own constitutional future.

Ob das am Ende auch so kommt, und ob die Schotten sich tatsächlich für die Unabhängigkeit entscheiden, ist zwar nicht ausgemacht. Aber immerhin: Es gibt eine höchst reale Möglichkeit, dass das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland in den nächsten Jahren auseinanderfällt.

Ich habe eigentlich noch nie viel Sympathien für regionale Separatismusbewegungen gehabt. Ich komme aus Bayern, und die unterschwelligen Prätentionen der CSU, es gebe so etwas wie bayerische Nationalstaatlichkeit, fand ich immer anachronistisch und albern.

Aber in diesem Fall kann ich eine gewisse Sympathie für die nationale Sache der Schotten nicht verhehlen.

Was würde passieren, wenn die Schotten gehen? Dass der Rest als Kleinbritannien einfach weitermacht, ist ausgeschlossen. Die Waliser wären die nächsten, die sich verabschieden. Und England würde als Staat neu entstehen. England ist ja, anders als die anderen Teile, eine Art riesiges District of Columbia, direkt der Regierung des Vereinigten Königreichs unterstellt und (außer Greater London) ohne eigene regionale Vertretung.

Das könnte eine Riesenchance für Europa sein.

Schottland wäre ein weiterer EU-freundlicher Staat mittlerer Größe, das wäre für sich genommen schon mal positiv. Und England wäre deutlich relativiert, würde der Bevölkerungszahl hinter Italien fallen. Der britische Euroskeptizismus würde an Gewicht verlieren.

Womöglich auch in England: Mit dem Ende des UK wäre der letzte Rest des britischen Empire hinter dem Horizont versunken. Zumal dann verfassungsrechtlich alles möglich ist: Warum die Monarchie beibehalten? Warum das Wahlrecht, das sich dann, ohne die für die Konservativen sowieso unerreichbaren MP-Sitze aus Schottland, noch krasser zugunsten der Tories auswirken würde? Dann wäre alles möglich.

England wäre vor die Situation gestellt, sich verfassungsrechtlich neu erfinden zu müssen.

Und das könnte nur zum Nutzen Europas sein.

(Und ich hätte einen Riesenspaß daran, den Schotten beim Verfassungsgeben zuzusehen. Und den Engländern gegebenenfalls auch.)

Update: Es ist offiziell. Das Wahl-Referendum ist gescheitert, und zwar gewaltig. Aua.

Ist das ein Trost, dass Oxford und Cambridge unter den wenigen Yes-Bezirken waren? Oder ist das nur eine weitere Bestätigung, dass Wahlrecht was für intellektuelle Eierköpfe ist?

Foto: theSNP, Flickr Creative Commons

 

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