Stressfaktor Staatsexamen

Wie geht es Jurastudierenden in Vorbereitung auf die Erste Juristische Staatsprüfung?

13. September 2024

Stressfaktor Staatsexamen

Wie geht es Jurastudierenden in Vorbereitung auf die Erste Juristische Staatsprüfung?

Das Erste Juristische Staatsexamen zählt aufgrund der Menge des in einem Block geprüften Stoffumfangs und der damit verbundenen langen Prüfungsvorbereitung zweifellos zu einer der anspruchsvollsten Prüfungsphasen des deutschen Hochschulsystems. Stress entsteht ganz allgemein, wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Bewältigungsmechanismen den Anforderungen einer bedeutsamen Situation nicht gewachsen sind und Situationen unkontrollierbar und unvorhersehbar erscheinen. Dabei kann es sich sowohl um sehr kurze, aber auch länger andauernde Phasen handeln oder immer wieder auftretende Episoden. Wir sind auf solche Episoden grundsätzlich gut vorbereitet, weshalb diese unsere psychische und körperliche Gesundheit nicht zwangsläufig gefährden. Im Gegenteil: Wenn wir solche Situation erfolgreich bewältigen, kann uns das resilienter werden lassen. Resilienz wird häufig als psychische Widerstandskraft beschrieben. Es ist die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen, sich also gut angesichts etwa von Widrigkeiten, Traumata, Bedrohungen anpassen zu können. Wird der Stress allerdings als chronisch erlebt, kann es zu Veränderungen in einer Reihe von biologischen Systemen kommen (z.B. im autonomen Nervensystem oder im Hormonsystem). Aus Studien wissen wir bereits, dass chronischer Stress ein erheblicher Risikofaktor für eine eingeschränkte Lebensqualität und zahlreiche Erkrankungen ist (z.B. Depressions- und Angststörungen oder Schlafstörungen). Studien bei Studierenden zeigten in den letzten Jahren bedenkliche Werte in Bezug auf chronisches Stresserleben und daraus resultierenden stressbezogenen Erkrankungen.

Ablauf des JurSTRESS-Projekts

Das JurSTRESS-Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, das Erleben und Verhalten von Studierenden während der Vorbereitung auf die Erste Juristische Staatsprüfung sowie psychische und biologische Belastungsreaktionen zu untersuchen. Hierfür wurden 225 bayerische Studierende, die sich in der Prüfungsvorbereitung befanden (Examensgruppe: EG), und 226 Studierende in einer früheren Phase ihres Studiums (Vergleichsgruppe: VG) in die Studie aufgenommen. Zu insgesamt sechs Messzeitpunkten verteilt über 13 Monate (MZP 1: ein Jahr, MZP 2: drei Monate, MZP 3: eine Woche vor dem geplanten Examenstermin, MZP 4: zwischen den Examenstagen, MZP 5: eine Woche, MZP 6: einen Monat nach dem Examen) wurden Daten erhoben. Kombiniert wurden hierfür moderne biopsychologische Labormethoden (Magnetresonanztomographie [MRT], Hormonmessungen und genetische Analysen) und Fragebogendaten mit ambulanten Assessments, eine Technik, die es erlaubt das Erleben und Befinden der Teilnehmer:innen in ihrem »wahren Alltag« zu messen. Das ambulante Assessment wurde hierfür zu allen sechs Messzeitpunkten durchgeführt. Es bestand aus zufällig über den Tag verteilten Abfragen auf einem Smartphone und der Entnahme von Cortisolproben am Morgen mittels Speichelproben. Diese Proben dienten zur Erfassung der Cortisolaufwachreaktion – ein Maß zur Erfassung der Cortisolreaktivität, das in Studien bereits Assoziationen zu verschiedenen stressbezogenen Erkrankungen gezeigt hat. Fragebogendaten wurden zu allen Messzeitpunkten außer MZP 4 erhoben, da wir während der Examenstage auf diesen zusätzlichen Aufwand verzichten wollten. Die genetischen Proben und die MRT-Untersuchung fanden lediglich zu Beginn der Studie statt.

Was wissen wir über die Stressbelastung der Jurastudierenden im JurSTRESS-Projekt?

Die Vorbereitungszeit auf das Examen betrug im Mittel 13,8 Monate, wobei sich diese individuell stark unterschied (Range: 2 – 24 Monate). Die Lernstunden pro Woche wiesen bis zum Zeitpunkt des Examenstermins einen starken Anstieg auf mit einem Maximum von im Mittel etwa 50 h/Woche eine Woche vor dem Examen. Zum Vergleich: Die Lernzeit der VG betrug zu allen Messzeitpunkten etwa 35 – 38 h/Woche. Bezogen auf das Stresserleben der Studierenden war die Stress-Skala unser wichtigstes Messinstrument. Diese Skala wurde aus den Daten des ambulanten Assessments generiert, was es uns ermöglichte, das wahre Ausmaß des Stresserlebens der Teilnehmer:innen in ihrem Alltag zu erfassen. Verglichen zum ersten Messzeitpunkt ein Jahr vor dem Examenstermin zeigten die Studierenden der EG einen starken Anstieg des Stressniveaus bis kurz vor Prüfungsbeginn. Bereits eine Woche später sinkt dieses Niveau allerdings unter den Ausgangswert und auch unter den Wert der Vergleichsgruppe. Sehr ähnliche Verläufe zeigten sich für die Angst- und Depressionssymptomatik, verschiedene Faktoren des chronischen Stresserlebens (z.B. Arbeitsüberlastung, Arbeitsunzufriedenheit oder chronische Besorgnis) und die Ausprägung von Schlafstörungen. Auffällig waren hierbei auch die teilweise bedenklich hohen Raten an auffälligen Testwerten. So wiesen beispielsweise 17% der EG-Teilnehmer:innen zu Beginn der Studie auffällige Werte hinsichtlich der Angstsymptomatik auf, eine Woche vor der Ersten Juristischen Staatsprüfung lag dieser Wert bei 48%, einen Monat nach der Prüfung wieder bei 18%. Tabelle 1 zeigt die Rate an auffälligen Werten im Verlauf der Studie für die Konstrukte Angst, Depression, chronischer Stress und Schlafstörungen.

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